Jesse Schell – seines Zeichens Gründer von Schell Games und ehemals Creative Director des Disney Imagineering Virtual Reality Studio, langjähriger Spieleentwickler und angehöriger der Fakultät des Entertainment Technology Center an der Carnegie Mellon Universität – präsentierte kürzlich auf der DICE 2010 Conference seine insights über die Trends und Massenphänomene in der Videospielindustrie der letzten Jahre und ihre (potenzielle) Zukunft.
Als Beispiele für erfolgreiche Spiele nennt er: ClubPenguin, Guitar Hero, Wii / Wii Fit, Mafia Wars und Webkinz.
Laut Schell basieren die meisten der extrem erfolgreichen Videospiel- und Webphänomene der letzten Jahre auf folgenden gemeinsamen Konzepten:
1. Sie machen sich psychologische “Tricks” zu nutze
2. Sie durchbrechen die Grenze zwischen Spielwelt und Realität
Unter psychologischen “Tricks” fasst Schell alles zusammen, was den Spieler dazu bring Geld für das Spiel auszugeben. Paradebeispiele hierfür ist etwa ClubPenguin, wo der Spieler absolut kostenlos Spielen kann und dabei virtuelle Währung erhält – diese kann er aber nur ausgeben, wenn der ein “Paid Member” wird – sprich ein Abo zu 6$ pro Monat abschließt. Viele Eltern die den Wunsch ihres Sprösslings “Paid Member” zu werden zunächst ablehnen lassen sich, wenn dieser nach Wochen das Spiel immer noch spielt und anführen kann schon erhebliche virtuelle Reichtümer angehäuft zu haben, wesentlich einfacher überreden ihm die Mitgliedschaft zu spendieren.
Bei Mafia Wars und dessen Integration mit dem sozialen Netzwerk Facebook führt die auftretende Konkurrenz mit den anderen Mitspielern – die sich aus den Freunden und Kontakten des Spielers rekrutieren – zu einem wesentlich stärkeren Drang “besser” sein zu wollen als die Freunde oder Kollegen, was wiederum die Neigung Geld auszugeben um in dem Spiel voran zu kommen stark erhöht.
Das alte Paradigma, dass Spiele eine “Flucht aus der Realität in die Fantasie” sind oder sein sollen wird hier nahezu vollkommen ausgehebelt und die Spiele reichen immer stärker bis in die Realität hinein. Diese sich bereits bei Mafia Wars andeutende Überleitung zum zweiten von Schell genannten Erfolgsfaktor wird auch bei Webkinz offensichtlich: Hierbei handelt es sich um eine Serie von Plüschtieren die zu einem erheblich höheren Preis als normale Plüschtiere verkauft werden, die dem Käufer aber neben dem Plüschtier eine virtuelle Version des selben Tieres in der Onlinewelt des Herstellers bereitstellen und die sich in Amerika starker Beliebtheit erfreut.
Ein weiteres Thema das Schell anschneidet ist seine Auffassung, dass Technologiekonvergenz ein Mythos ist und Technologie inhärent einen divergierenden Charakter aufweist und sich stets in alle möglichen Richtungen gleichzeitig entwickelt und nicht auf ein “konvergierendes” Ziel hin – einzige Ausnahme: Der “Hosentaschenfaktor”, wie vom iPhone oder vom schweizer Taschenmesser eindrucksvoll vorgeführt.
Zuletzt unterbreitet Schell noch seine Vision der Zukunft, in der alles und jeder mit Sensoren ausgestattet ist und erfahrene Spieldesigner den Job von heute Spiele für Marketing- und andere Zwecke nutzenden “nicht-Spieldesignern” eingenommen haben. So beschreibt er umfassend wie sich in Zukunft nahezu alles in ein Spiel verwandeln könnte und wie dies – möglicherweise – dazu führen könnte, dass sich die Menschen durch den Versuch in diesen Spielen zu “Punkten” zu besseren Menschen verändern. Dies letzten Endes sogar nicht nur für sich selbst (gesündere Ernährung, mehr Sport) sondern auch zum Nutzen der Allgemeinheit oder der Umwelt.
Beispiel: Fahre mit dem Bus und erhalte “Punkte” die Du für eine Verringerung deiner Steuerzahlungen einsetzen kannst weil Du die Umwelt geschont hast.
Was Schell hier in seinen Visionen skizziert erscheint größtenteils durchaus glaubwürdig, wenn es auch noch starke Zukunftsmusik darstellt. Nichtsdestotrotz geben sie viele phantastische Denkanstöße bezüglich der Anwendung von Spielen und Spielmechanismen in einer technologisch nahezu vollkommen durchdrungen Zukunft, in der die Grenzen zwischen Spiel und Realität immer stärker verschwimmen.
Das Video ist absolut sehenswert und wirklich jedem zu empfehlen!
Es findet sich hier:
http://g4tv.com/videos/44277/DICE-2010-Design-Outside-the-Box-Presentation/
Siehe auch: Om Malik bei gigaom.com, dicesummit.org, g4tv.com








Kommentar von Simon — 22. März 2010 @ 16:22
Sehr interessant, das muss ich echt sagen. Ich kannte Webkinz noch nicht – in der Einfachheit der Idee liegt auch ihr Charme, das ist wirklich eine sehr gute Idee… und die perfekte Brücke zwischen reeller Welt und Spiele-Welt… real life immersion… ,-)